Im „Café Zifferblatt (Циферблат)“ Zeit statt Essen und Trinken bezahlen

Zifferblatt
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All you can drink, All you can eat, All you can surf

Zeit ist Geld – den Spruch kennt wohl jeder. Im Café Zifferblatt ist das die Geschäftsidee, kommt aus Moskau und ist dort ein Renner. Der 30jährige Moskauer Ivan Meetin hat Theaterwissenschaften studiert, in einer Band gespielt und ein Buch geschrieben. Er ist der Erfinder der russischen Kaffeehaus-Kette Zifferblatt (Циферблат).

Der Kaffeehausbesitzer mit Schnurrbart gibt sich bescheiden:

„Ich bin den Maximalismus leid und außerdem überhaupt kein Geschäftsmann“, betont er. „Mein Ziel ist es nur, urbane entspannte Räume des Zusammenlebens zu schaffen – eine Wohnzimmeratmosphäre“!

Wer ins Zifferblatt kommt, möchte nicht hetzen, rechnen, ob eine Tasse Kaffee mehr noch drin ist oder ob er doch lieber schon bezahlt und geht. Er hat sich vorher eine klare Vorstellung davon gemacht, wie lange er bleiben will.

Eine Minute kostet zwei Rubel, das sind 120 Rubel für eine Stunde, etwa drei Euro. Die Gäste vergessen in den Cafés die Zeit, obwohl sie den Preis bestimmt. Die Besucher im Café Zifferblatt zahlen nur für die Minuten und Stunden, die sie im Café sitzen – Getränke und Häppchen sind inklusive, müssen allerdings in der kleinen Küche selbst zubereitet werden. Kaffee, Tee, Kekse und Toastbrot ohne Unterlass. Der Nachschub an Wasser steht in einer Karaffe neben einem Dutzend Teesorten. Wer will darf auch abwaschen.

Im Café Zifferblatt gibt es einen antiken Küchenschrank, der mit Dutzenden Weckern und Uhren gefüllt ist. Kleine, runde, breite eckige, hohe und schmale, für jeden ist etwas dabei. Sie haben alle etwas gemeinsam. Sie haben einen Namen, und sie funktionieren nicht. Symbolik spielt eine große Rolle im Café Zifferblatt. Jeder Gast stellt auf seinen Tisch eine Uhr, auf der die Zeit stehen geblieben ist.

Im Café gilt folgende Regel, die widersprüchlich klingen mag und doch zu funktionieren scheint: Die Zeit zu vergessen, obwohl sie den Preis bestimmt. Natürlich könnte man in zehn Minuten einen Kaffee austrinken und schnell wieder gehen. Das wäre ein kleines Geschäft. 50 Cent für einen Kaffee, Cappuccino oder Latte Macchiato. Da zahlt man anderswo deutlich mehr in Moskau. Aber darum geht es im Café Ziferblat nicht. Man soll sich Zeit mit Freunden nehmen, neue Menschen kennenlernen und interessante Gespräche führen. Da sitzt man dann schon mal 4 Stunden zusammen und bezahlt dann 480 Rubel, also etwa 12 Euro.

„Wir sind doch alle Kinder des Internetzeitalters und gewöhnt, Privates mit Fremden auszutauschen“, meint Ivan. „Ziferblat ist eine Erweiterung, ein geruhsamer Ort, der den wirklichen Menschenkontakt will und fördert.“

Längst sollte es ein Café Zifferblatt auch in Berlin geben. Das hatte Meetin vor einem Jahr optimistisch verkündet. Die deutsche Hauptstadt habe für ihn höchste Priorität, sagt er. „Berlin ist prädestiniert dafür!“ Dort würden so viele kreative und aufgeschlossene Menschen leben, zu deren Lebensstil so ein Wohnzimmer-Café gut passen würde, lobte er. Er habe von einer Weinbar in Berlin gehört, in der die Gäste am Ende des Abends selbst entscheiden, wie viel sie bezahlen. Das gefiel ihm.

Heute klingt Meetin frustriert, wenn man ihn nach seinem Plan für Berlin fragt. Denn bisher gibt es niemand, der sich darauf einlässt.

„In Berlin gibt es viele Träumer, und sie haben auch schöne Fantasien, aber am Ende schaffen diese Menschen nicht den Sprung von der Träumerei in die Realität“, sagt er.

Sicherlich hat er damit recht. Berlin ist vielleicht doch nicht so hipp, wie es sich so oft gern geben möchte. Oder was meint ihr?

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